Jede Schwangerschaft ist ein Ausnahmezustand. Eine Zeit der Freude und Sorge, eine Zeit erstaunlicher körperlicher Veränderungen. Fast keine Schwangerschaft verläuft komplikationslos – aber im Allgemeinen halten sich die Beschwerden mit der Vorfreude auf das große Ereignis in der Waage. Emesis gravidarum ist eine Form der Schwangerschaftsübelkeit, die nahezu alle Frauen kennen. In den ersten zwölf Schwangerschaftswochen, manchmal auch bis zur Schwangerschaftwoche (SSW) 16 stellen sich Übelkeit und Erbrechen Tag für Tag ein. Sie gewinnen jedoch nicht die Überhand und werden nicht zu einem gesundheitlichen Problem für die Schwangere und ihr werdendes Kind. Anders sieht das bei der Hyperemesis gravidarum aus. Dieses schwere Übelkeitsgefühl setzt meist ab der sechsten SSW ein, erreicht seinen Höhepunkt in der zwölften Woche und klingt um SSW 20 allmählich ab. Manche Frauen müssen den chronischen Zustand bis zur Niederkunft ertragen. Hyperemesis wirkt zermürbend, zehrend, erschöpfend und kann Frauen zur Verzweiflung bringen. Ihre schweren Formen gehören in medizinische Behandlung.

Wie erkenne ich, ob einfache Übelkeit oder Hyperemesis gravidarum vorliegt?

Wann wird eine „normale“ Schwangerschaftsübelkeit (Emesis) zur Hyperemesis? Um eine Abgrenzung zur Emesis gravidarum zu schaffen, orientieren sich Mediziner an Zahlenwerten. Laut der gängigsten Definition leidet eine Schwangere an Hyperemesis, wenn sie sich mehr als fünfmal am Tag erbrechen muss und infolgedessen mehr als fünf Prozent ihres Körpergewichts verloren hat. Die Hyperemesis wird in zwei Schweregrade eingeteilt: Schwangere, die an Grad I leiden, weisen die Symptome Übelkeit, Erbrechen und Krankheitsgefühl auf; in Grad II kommen Störungen des Stoffwechsels, des Wasser- und Mineralhaushalts hinzu. Die Ursachen werden unter Medizinern noch diskutiert. Früher hielt man allein psychische Faktoren für ausschlaggebend; heute wird die Entstehung differenzierter gesehen.

Welche Erkrankungen haben ähnliche Symptome wie die Hyperemesis?

Müssen Sie sich seit sie schwanger sind sehr häufig übergeben? Fühlen Sie sich schwach, verlieren Sie an Gewicht? Hinter diesen Symptomen kann eine Hyperemesis gravidarum stecken, muss aber nicht. Mediziner nähern sich der Diagnose über das Ausschlussverfahren. Denn auch andere Krankheiten bringen die Begleitumstände der Hyperemesis mit sich. Hier eine Liste:

  • Neurologische Ursachen (beispielsweise Migräne)
  • Magen-/Darm-Erkrankungen (zum Beispiel Infektionen, Entzündungen der
  • Magenschleimhaut oder der Bauchspeicheldrüse)
  • Stoffwechselerkrankungen (beispielsweise erhöhter Kalziumspiegel)
  • Psychogene Störungen (zum Beispiel Essstörungen)

Lässt sich die schwere Übelkeit auf keine andere somatische oder psychogene Störung zurückführen, wird von einer Hyperemesis ausgegangen.

Welche Ursachen hat die schwere Übelkeit in der Schwangerschaft?

 

Wer die Ursachen einer Erkrankung erkennt, kann sie an der Wurzel bekämpfen. Mit der Ursachenforschung tun sich die Experten jedoch schwer. Immerhin ist ein Zusammenhang zwischen einer hohen Konzentration des Schwangerschaftshormons hCG und dem schweren Übelkeitsgefühl festgestellt worden. Besonders Mehrlingsschwangerschaften sind mit einem erhöhten hCG-Spiegel verbunden. Ebenfalls häufiger betroffen von der chronischen Übelkeit sind Erstgebärende. Zum gefährdeten Personenkreis zählen auch übergewichtige Schwangere, Allergikerinnen und Frauen, die an einer Überfunktion der Schilddrüse leiden. Der Magenkeim Helicobacter pylori wird bei Patientinnen mit schwerer Schwangerschaftsübelkeit häufiger beobachtet als bei Frauen, die während des Austragens nicht mit ständigem Sich-Übergeben zu kämpfen haben. Die beteiligten Medizinexperten haben den Hauptschuldigen noch nicht identifiziert. Nur eines können sie mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen: Wenn Sie bereits in der ersten Schwangerschaft unter der krankhaften Übelkeit gelitten haben, werden Sie die Symptome auch in der zweiten aufweisen.

Was tun gegen die ständige Übelkeit?

 

Ein bisschen Übelkeitsgefühl lässt sich aushalten. Mehr als fünfmal oder sogar mehr als zehnmal am Tag Spucken bringt Sie zur Verzweiflung. Sie verlieren an Gewicht, obwohl Sie doch an Gewicht zunehmen sollten. Sie machen sich Sorgen um Ihre Gesundheit und um Ihr werdendes Kind. Und manchmal sind die Symptome so quälend, dass Sie sich wünschten, nicht mehr schwanger zu sein. Die Hyperemesis gravidarum in ihrer ausgeprägten Form gehört auf jeden Fall in ärztliche Fürsorge. Zuerst einmal wird der Arzt Ihnen im Kampf gegen die chronische Übelkeit zu einer Ernährungsumstellung raten. Kohlenhydratreiche, fettarme Lebensmittel sind hilfreich, auch die Aufteilung der Nahrung auf möglichst viele kleine Mahlzeiten kann Linderung schaffen. Bei der schweren Schwangerschaftsübelkeit lösen schon Gerüche den Brechreiz aus. Diese sind ebenso zu meiden wie starke Gewürze. Medikamentös werden gegen das Erbrechenmüssen Antiemetika verabreicht, also Arzneien mit übelkeitsmindernden Wirkstoffen. Auch Vitamin B6 hat sich als zuträglich erwiesen. In Fällen von Hyperemesis des Grades II, bei starker Gewichtsabnahme, Austrocknung und Unfähigkeit, Essen und Trinken aufzunehmen, ist ein stationärer Krankenhausaufenthalt angeraten. Flüssigkeit sowie alle besonders in der Schwangerschaft wichtigen Mineralstoffe und Nährstoffe werden per Infusion zugeführt. Eine begleitende psychologische Betreuung ist in solchen Fällen schwerer Schwangerschaftsübelkeit zielweisend.

Hat das Erbrechen eine psychische Komponente?

 

Übelkeit und Erbrechen können durch medikamentöse Begleitung gelindert werden. In schweren Fällen von Hyperemesis gravidarum ist eine Stabilisierung des Zustands durch Nährstoff- und Flüssigkeitsgaben möglich. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Die Wissenschaftler und Mediziner tappen hinsichtlich der Ursachen und ihrer Behandlung noch immer im Dunkeln. Wenn Sie an einer schweren Schwangerschaftsübelkeit leiden, wird Ihnen niemand garantieren können, ab einer bestimmten SSW frei von Übelkeit und Mattigkeitsgefühl zu sein. Mit einer vorsichtigen Ernährungsumstellung gelingt es aber vielen leidenden Frauen, den schlimmsten Brechreiz zu umgehen. Ein ganz wichtiger Einflussfaktor ist das menschliche Umfeld während der Schwangerschaft. Die Behauptung, das ständige Übelkeitsgefühl hänge mit Depression und einem Gefühl der Vernachlässigung während der Schwangerschaft zusammen, wird heute so nicht mehr gestellt. Eins ist aber sicher: Ein liebe- und verständnisvolles Umfeld beeinflusst die Symptomatik positiv. Dieser Appell richtet sich an die Partner: Geben Sie der werdenden Mutter Ihres Kindes das Gefühl, dass Sie bei Ihr sind und sie unterstützen – und seien Sie froh, dass Sie ein Mann sind und dieses Martyrium nicht durchstehen müssen.

Gibt es natürliche Mittel gegen die Übelkeit?

 

Neben der schulmedizinischen Behandlung, der stationären Intervention und der Ernährungsumstellung tragen auch komplementäre Heilverfahren zur Linderung der zermürbenden Übelkeit bei. Elektrostimulation, Massagen, Akupunktur, Autogenes Training und homöopathische Mittel wie Pulsatilla und Nux vomica können die Übelkeit in Grenzen halten. Auch Heilpflanzen (Kamille, Ingwer, Pfefferminze) haben sich als Mittel gegen den Brechreiz bewährt. Sehr einfach in der Anwendung und völlig nebenwirkungsfrei ist ein Akupressurband, dass Sie an den Handgelenken tragen können. Ein solches Band übt über eine kleine Noppe an der Innenseite Druck auf den Nei Kuan-Punkt (oder auch Neiguan-Punkt) aus – dieser Druckpunkt bewirkt innerhalb weniger Minuten eine Übelkeitslinderung. In einer placebokontrollierten Doppelblindstudie konnte die Wirksamkeit des Akupressurbandes bei Hyperemesis gravidarum nachgewiesen werden (https://www.carstens-stiftung.de/artikel/akupressur-gegen-schwangerschaftserbrechen.html).

Fazit:

Die schwere Form der Schwangerschaftsübelkeit wirkt zermürbend und auszehrend. Es gibt leider noch kein Mittel, um das chronische Erbrechen vollständig zu beseitigen. Dennoch haben sich einige Präparate und Hilfsmittel zur Linderung der Übelkeit bewährt. Die Hyperemesis gravidarum Grad I können Sie durch Ernährungsumstellung, partnerschaftliche Fürsorge und alternative Heilmittel wie das Akupressurband eindämmen. Im Grad II der Hyperemesis ist unbedingt ärztliche Hilfe aufzusuchen, denn das ständige Sich-übergeben-müssen führt zu Austrocknung und Nährstoffverlust. Besonders schwere Formen machen einen Krankenhausaufenthalt notwendig, um den Körper mit allem Lebensnotwendigen per Infusion zu versorgen.

In seinem YouTube-Kanal „Richtig Schwangerspricht Gynäkologe Dr. med. Konstatin Wagner mit YouTuberin „Feliz“ über Hyperemesis gravidarum und was gegen die schwere Übelkeit in der Schwangerschaft hilft.

ab Min. 9:10: Feliz
ab Min. 12:06: Dr.Wagner

In diesem Video spricht Dr. Konstantin Wagner über die krankhafte Schwangerschaftsübelkeit Hyperemesis.